Kulturverein Sagenland Mecklenburg-Vorpommern e.V.
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Sagen hinterfragt

Die Pinnower Lindwurmsage

 

"Vor langer Zeit lag auf dem Lindhörn am Pinnower See ein Lindwurm...."

So beginnt die Pinnower  Lindwurmsage, sowohl bei Burghard Keuthe in: Sagen des Landkreises Parchim, Teil II, 1997, als auch bei Erika und Jürgen Borchardt in: Zwei Kahnschnecken voller Gold - Sagen-Geschichten aus Pinnow, Godern und Raben Steinfeld

 

Die Lindwurmsagen (nicht zu verwechseln mit den Drachensagen) zählen wohl zu den ältesten und im deutschen Sprachraum am weitesten verbreiteten Sagen. In Mecklenburg, wie überhaupt in Norddeutschland, kommen sie jedoch recht spärlich vor. von den 402 Sagen, die B. Keuthez.B. alleine für die Regionen Brüel, Crivitz und Sternberg auflistet, erzählen ledigich vier vom Lindwurm.

 

Die Pinnower Lindwurmsage bezieht sich auf den Flurnamen "Lindhörn" am Westufer des Pinnower Sees und ist untrennbar mit dem Flurnamen verbunden. Eine weitere Wortkombination oder gar einen weiteren Flurnamen mit dem Wortelement "lind" gibt es weder auf der Pinnower Gemarkung noch auf den südlichen Nachbargemarkungen.

 

Der Grundstock Pinnower Flurnamen gründet auf Auszügen aus domanialen Vermessungsakten von 1701 "betreffend Pinnow und die Vogtei Rabensteinfeld" (damals noch zusammengeschrieben). Diese Flurnamen sind die ältesten uns überlieferten Namen. Unter den 21 dort genannten Flurnamen taucht "Lindhörn" nicht auf.

Die Karte von Schmettau 1788 ergänzt die Liste der Flurnamen um weitere neun Namen, "Lindhörn" findet sich auch hier nicht.

 

Etwa um 1928 rief der Heimatbund Mecklenburg zu einer Flurnamen-Sammelaktion im ganzen Land auf, der besonders Dorflehrer folgten. Lehrer Peters in Pinnow hatte in Fischer Martens aus Godern einen erstklassigen Gewährsmann, der ihm 22 Flurnamen nannte, darunter solche wie Pfeffermünzborn, Petermännchen-Berg, Schultengang, Brutkist, Tochin und - nun auch Lindhörn.

 

Einen großen Teil von Fischer Martens genannten Flurnamen müssen wir einordnen in Flurnamen jüngeren Datums etwa von 1870 bis 1928. Der Flurname Schultengang etwa für den Verbindungsweg Pinnow-Petersberg konnte erst geprägt werden, nachdem Petersberg 1871 nach Pinnow eingemeindet worden war.

 

Ein weiterer Teil von Fischer Martens genannten Flurnamen betraf dessen berufliche Tätigkeit als Fischer auf dem Pinnower See. Fischer Martens ist kurz nach seiner Befragung zu den Flurnamen, etwa um 1928, über 70jährig verstorben. Er wird folglich noch Zeit- und Ohrenzeuge etwa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen sein und hat folglich den Wortschatz seiner Vorgänger-Fischer tradiert, die uns als Fischer Hollien und Fischer Adam bekannt sind - allemal Plattsnackers, die kein Wort Hochdeutsch sprechen konnten.

 

Die meisten von den Pinnower bzw. Goderner Fischern geprägten Flurnamen bezeichnen Orte im oder am See, die mit dem Fischfang auf dem Pinnower See zu tun hatten: "Brutkist" etwa war ein wohl bemerkenswerter Laichplatz. "Tochin" ist eine tiefe Stelle am Südende des Sees, die besonders gut mit dem Zugnetz zu befischen war. Das Mittelniederdeutsche Wort "toch" bedeutet "zug". Das t wurde während der zweiten Germanischen Lautverschiebung zum hochdeutschen z, während das Niederdeutsche von dieser Lautverschiebung nicht erfasst wurde und das anlautende t bebehielt.

 

Dort (am Tochin) "is dat heil deip" sagt der Pinnower Fischermund, "Dor hebben´s mennig feinen Brassentog makt." (Brassentog = Brassenzug = mit dem Zugnetz gefischte Brassen/Bleie)

 

Nun zu unserem Lindwurm auf dem Lindhörn:

 

Wettermäßig herrscht in unserer Region vornehmlich eine West, Nord-West Wetterlage. Und wer den Pinnower See kennt und bei steifem Nordwest auf ihm mal Angeln oder mit der Liebsten Segeln war, der weiß, wie ungemütlich das werden kann.

Der Autor jedenfalls hat sich dann schwer rudernd zum Lindhörn am westlichen Ufer des Sees geflüchtet, wo es große Barsche gab und wo man geschützt und gemütlich die Angel auswerfen konnte, während oben der Nordwest die Buchen schüttelte. An dieser Stelle, am Steinernen Tisch, wo ein kleiner Sporn/Landspitze/Ecke/Winkel - im Niederdeutschen Hörn genannt - in den See ragt, konnten auch die Fischer ihr Boot festmachen und mit dem Schwimmnetz auf Fang gehen, ohne dass der Wind am Ankerau zerrte - und sie nannten diese geschützte Stelle "Lindhörn". Das aus dem Mitteldeutschen stammende und im Niederdeutschen erhaltene "lind" bedeutet: weich, zart, nachgiebig, gütig, freundlich.

 

Und wenn diese kleine Hörn oder Landspitze vor Wind und Wetter schützt, dann ist das eine freundliche, sanfte, eine schützende Lindhörn. Und irgendjemand zu Anfang des 20. Jahrhunderts hat dieses "lind" mangels besseren Wissens mit dem Lindwurm assoziiert und die eigentlich nichtssagende und ahistorische Sage erfunden, des Lindwurms wegen, der hier gar nichts zu suchen hat.

 

Übrigens schreiben die Gebrüder Grimm über das "lind", wie es noch im Lindwurm enthalten ist:"...das wort ist im 17. jahrh. vergessen; später, und unter einflusz der kenntnis altdeutscher gedichte wird es in poetischer Sprache wieder aufgenommen, anfangs ohne rechtes verständnis der eigentlichen bedeutung..."(Gebrüder Grimm: Wörterbuch).

 

Herbert Remmel

 

 

 

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