Kulturverein Sagenland Mecklenburg-Vorpommern e.V.
Kulturverein Sagenland Mecklenburg-Vorpommern e.V. 

Sagen hinterfragt

Vun witt Fruggens unn swart Häuhners

Ein Beitrag unseres verstorbenen Ehrenmitgliedes Dr. Eckart Bomke zur Deutung einiger vom Kulturverein Sagenland mit Findlingen und Texttafeln markierten Sagen. Bearbeitet von Dieter Gonsch.

 

Das Schweriner Seengebiet ist überreich mit Ort- und Heimatsagen bestückt.

Intensive Besiedlung, sich kreuzende Handelswege und auch die Herausbildung von Heerstraßen mögen zur Entstehung beigetragen haben. Damit im Zusammenhang stehen besondere Ereignisse oder auch ungewöhnliche Erscheinungen sowie gesellschaftliche Konflikte, die die Menschen verwirrten und so phantasievolle Deutungen erfuhren.

 

Sie blieben im Volksmund erhalten, bzw. wurden weitererzählt („weitergesagt).

So haben alle Sagen einen Bezug zur historischen Wirklichkeit. Es gab irgendwann ein auslösendes folgenschweres Ereignis, das Probleme auslöste. Man sah Angst und Schrecken auf sich zukommen. Die Furcht vor dem „Leibhaftigem“ oder vor einer anderen Himmelsgewalt verunsicherte. Um darüber hinweg zu kommen, hofften unsere Vorfahren auf überirdischen Beistand. Die Sagen klingen meist mit einem unwirklichen Vorgang aus oder nehmen einen phantastischen Verlauf.

 

Ein Beispiel dafür ist die Sage vom Lindwurm.

Wenn das Eis des Schweriner Sees bei Tauwetter geräuschvoll barst und spaltige Rinnen warf, sagte der Volksmund auf plattdeutsch „door smitt sik de bost“. Und der damalige Beobachter wollte in der lang gestreckten, sich bewegenden Eisrinne den gefürchteten Lindwurm erkannt haben. Weit abseits, in gemiedenen Gebieten wie auf Kaninchenwerder wurde dann die Behausung des Untiers vermutet.

 

Ausgesprochene Phantasie begleitete die Menschen des Mittelalters. In diesem Sinne ist auch die Deutung der Sage „Die Frau als Hase“ zu suchen. Einbildung, phantastische Vorstellungen verleiteten die Menschen von früher in dem Hasen eine verwandelte Frau zu sehen und nicht das, was der Hase wirklich war, nämlich ein sein Junges suchendes Muttertier. Das ist natürlich eine Annahme, aber eine realistische. Dabei gilt es festzustellen, dass die Neigung der Menschen zu phantasievoller Deutung von Vorkommnissen oder Erscheinungen bis heute anhält. Davon leben ganze Wirtschaftszweige, wenn man sich mal die Auto- oder Kosmetikwerbung vor Augen führt.

 

Nicht viel anders ist es mit der Sage „Der vergessene Hund“. Das Gejaule eines Hundes kann manchmal erbärmlich klingen. Dieses fälschlicherweise auf das verlassene Gutshaus zu übertragen, ist leicht vorstellbar. Wer hat nicht schon selbst eine Vermutung ausgesprochen, die sich später als völlig irrig erwies.

 

Verbreitet im Lande, ja in der ganzen Menschheit, ist der Sinn für Gerechtigkeit. Deren Verletzung hat die Menschen immer schon bewegt, zumal sie schicksalhaft die Menschen seit Urzeiten begleitet hat, vielleicht in unterschiedlicher Ausprägung, je nach Zeitepoche. Im Mittelalter galt die Herrschaft des (land-)besitzenden Adels und die Rechtlosigkeit großer Teile der Landbevölkerung. Ihr war es verwehrt, Gerechtigkeit einzuklagen. Also suchte man die Gerechtigkeit in zufälligen Ereignissen. Wenn dem unerbittlichen Gutsherrn ein Missgeschick passierte oder dieser verunglückte, wurde dahinter die Strafe Gottes vermutet, der auf diese oder andere Weise für Gerechtigkeit sorgen würde. So im Falle der Sagen vom „Gutsherrn als Leichenfledderer“ oder „Die Glocken von Zittow“. Oder von dem Gutsherrn, dem ein Übel geschieht, als er beim Erheben der Peitsche auf dem Wagen gegen den Kutscher gerichtet, elend zusammenbricht.

Bezeichnenderweise entstanden solche Sagen nur in Gutsdörfern, so auch im Umfeld von Leezen wie in Langen Brütz (De olle Herr von Pressentin), in Kritzow, in Müsselmow und vielen anderen. In Bauerndörfern hat sich diese Gruppe von Sagen verständlicher Weise nicht herausgebildet. Das gilt für die Dörfer der Lewitz, alles Bauerndörfer, bei denen gelegentlich der geschundene Knecht als „Heldenfigur“ vorkommt.

 

Eine weitere Gruppe von Sagen hat die Gottesfurcht oder den Schutz vor dem Teufel zum Inhalt. Mit dem entgegen gehaltenen Kreuz vertrieb der Schäfer den Teufel -als schwarzer Widder getarnt- aus dem Stall und blieb fortan unangetastet, so in der Sage „Der Schäfer mit dem Teufelsfell“ beschrieben.

Die Sagen, die kirchliche Geschehen aufgreifen, beschränken sich nicht nur auf den Widerstand gegen den „Leibhaftigen“, sondern erfassen den gesamten Wirkungsbereich der Kirche. Hier muss man den Blick auf Uralt-Zeiten zurückwerfen. Einige Pfarrer umgaben sich damals mit dem Nimbus des Geheimnisvollen, des Göttlichen, des Unerreichbaren und benutzten die Furcht vor überirdischer Gewalt und das Wachhalten eines gewissen Aberglaubens, um Untertänigkeit und Respekt vor den Amtsträgern zu bewirken. Ebenso gab es den standhaften Pastor, der dem Teufel „eins auswischte“.

 

Alle diese Sagen sind durch Sagensteine (Findlinge) und Texttafeln gekennzeichnet und sprechen für sich.

Von „De Fruggens und de Häuhners“ war nicht viel die Rede, von „witt unn swart“ ook nich väl, öwer lat man…, dat kunn manchmal noch n Naaschlach gäben…          

Die Pinnower Lindwurmsage

 

"Vor langer Zeit lag auf dem Lindhörn am Pinnower See ein Lindwurm...."

So beginnt die Pinnower  Lindwurmsage, sowohl bei Burghard Keuthe in: Sagen des Landkreises Parchim, Teil II, 1997, als auch bei Erika und Jürgen Borchardt in: Zwei Kahnschnecken voller Gold - Sagen-Geschichten aus Pinnow, Godern und Raben Steinfeld

 

Die Lindwurmsagen (nicht zu verwechseln mit den Drachensagen) zählen wohl zu den ältesten und im deutschen Sprachraum am weitesten verbreiteten Sagen. In Mecklenburg, wie überhaupt in Norddeutschland, kommen sie jedoch recht spärlich vor. von den 402 Sagen, die B. Keuthez.B. alleine für die Regionen Brüel, Crivitz und Sternberg auflistet, erzählen ledigich vier vom Lindwurm.

 

Die Pinnower Lindwurmsage bezieht sich auf den Flurnamen "Lindhörn" am Westufer des Pinnower Sees und ist untrennbar mit dem Flurnamen verbunden. Eine weitere Wortkombination oder gar einen weiteren Flurnamen mit dem Wortelement "lind" gibt es weder auf der Pinnower Gemarkung noch auf den südlichen Nachbargemarkungen.

 

Der Grundstock Pinnower Flurnamen gründet auf Auszügen aus domanialen Vermessungsakten von 1701 "betreffend Pinnow und die Vogtei Rabensteinfeld" (damals noch zusammengeschrieben). Diese Flurnamen sind die ältesten uns überlieferten Namen. Unter den 21 dort genannten Flurnamen taucht "Lindhörn" nicht auf.

Die Karte von Schmettau 1788 ergänzt die Liste der Flurnamen um weitere neun Namen, "Lindhörn" findet sich auch hier nicht.

 

Etwa um 1928 rief der Heimatbund Mecklenburg zu einer Flurnamen-Sammelaktion im ganzen Land auf, der besonders Dorflehrer folgten. Lehrer Peters in Pinnow hatte in Fischer Martens aus Godern einen erstklassigen Gewährsmann, der ihm 22 Flurnamen nannte, darunter solche wie Pfeffermünzborn, Petermännchen-Berg, Schultengang, Brutkist, Tochin und - nun auch Lindhörn.

 

Einen großen Teil von Fischer Martens genannten Flurnamen müssen wir einordnen in Flurnamen jüngeren Datums etwa von 1870 bis 1928. Der Flurname Schultengang etwa für den Verbindungsweg Pinnow-Petersberg konnte erst geprägt werden, nachdem Petersberg 1871 nach Pinnow eingemeindet worden war.

 

Ein weiterer Teil von Fischer Martens genannten Flurnamen betraf dessen berufliche Tätigkeit als Fischer auf dem Pinnower See. Fischer Martens ist kurz nach seiner Befragung zu den Flurnamen, etwa um 1928, über 70jährig verstorben. Er wird folglich noch Zeit- und Ohrenzeuge etwa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen sein und hat folglich den Wortschatz seiner Vorgänger-Fischer tradiert, die uns als Fischer Hollien und Fischer Adam bekannt sind - allemal Plattsnackers, die kein Wort Hochdeutsch sprechen konnten.

 

Die meisten von den Pinnower bzw. Goderner Fischern geprägten Flurnamen bezeichnen Orte im oder am See, die mit dem Fischfang auf dem Pinnower See zu tun hatten: "Brutkist" etwa war ein wohl bemerkenswerter Laichplatz. "Tochin" ist eine tiefe Stelle am Südende des Sees, die besonders gut mit dem Zugnetz zu befischen war. Das Mittelniederdeutsche Wort "toch" bedeutet "zug". Das t wurde während der zweiten Germanischen Lautverschiebung zum hochdeutschen z, während das Niederdeutsche von dieser Lautverschiebung nicht erfasst wurde und das anlautende t bebehielt.

 

Dort (am Tochin) "is dat heil deip" sagt der Pinnower Fischermund, "Dor hebben´s mennig feinen Brassentog makt." (Brassentog = Brassenzug = mit dem Zugnetz gefischte Brassen/Bleie)

 

Nun zu unserem Lindwurm auf dem Lindhörn:

 

Wettermäßig herrscht in unserer Region vornehmlich eine West, Nord-West Wetterlage. Und wer den Pinnower See kennt und bei steifem Nordwest auf ihm mal Angeln oder mit der Liebsten Segeln war, der weiß, wie ungemütlich das werden kann.

Der Autor jedenfalls hat sich dann schwer rudernd zum Lindhörn am westlichen Ufer des Sees geflüchtet, wo es große Barsche gab und wo man geschützt und gemütlich die Angel auswerfen konnte, während oben der Nordwest die Buchen schüttelte. An dieser Stelle, am Steinernen Tisch, wo ein kleiner Sporn/Landspitze/Ecke/Winkel - im Niederdeutschen Hörn genannt - in den See ragt, konnten auch die Fischer ihr Boot festmachen und mit dem Schwimmnetz auf Fang gehen, ohne dass der Wind am Ankerau zerrte - und sie nannten diese geschützte Stelle "Lindhörn". Das aus dem Mitteldeutschen stammende und im Niederdeutschen erhaltene "lind" bedeutet: weich, zart, nachgiebig, gütig, freundlich.

 

Und wenn diese kleine Hörn oder Landspitze vor Wind und Wetter schützt, dann ist das eine freundliche, sanfte, eine schützende Lindhörn. Und irgendjemand zu Anfang des 20. Jahrhunderts hat dieses "lind" mangels besseren Wissens mit dem Lindwurm assoziiert und die eigentlich nichtssagende und ahistorische Sage erfunden, des Lindwurms wegen, der hier gar nichts zu suchen hat.

 

Übrigens schreiben die Gebrüder Grimm über das "lind", wie es noch im Lindwurm enthalten ist:"...das wort ist im 17. jahrh. vergessen; später, und unter einflusz der kenntnis altdeutscher gedichte wird es in poetischer Sprache wieder aufgenommen, anfangs ohne rechtes verständnis der eigentlichen bedeutung..."(Gebrüder Grimm: Wörterbuch).

 

Herbert Remmel

 

 

 

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